Organisation der Militärseelsorge

Die evangelische Militärseelsorge und die katholische Militärseelsorge in Deutschland sind durch Staatskirchenverträge geregelt. Es handelt sich um eine der sog. „gemeinsame Angelegenheiten“ von Staat und Religionsgemeinschaften (res mixta).

Mit der Evangelischen Kirche in Deutschland wurde 22. Februar 1957 der Militärseelsorgevertrag geschlossen und durch das Gesetz über die Militärseelsorge vom 26. Juli 1957 bestätigt; für den Bereich der katholischen Kirche gilt das Reichskonkordat aus dem Jahre 1933 nach herrschender Rechtsauffassung fort.

Die Bestimmungen regeln die kirchliche bzw. seelsorgerliche Betreuung aller aktiven Soldaten (Berufs- und Zeitsoldaten, freiwillig Wehrdienst Leistenden, Wehrpflichtigen). Dieser Personenkreis einschließlich der Ehegatten und Kinder gehört während der Dienstzeit zum Jurisdiktionsbezirk des Militärbischofs und daher nicht zur örtlichen Gemeinde, sondern zur jeweiligen Militärkirchengemeinde, die von einem Militärseelsorger geleitet wird. Er feiert den monatlichen Standortgottesdienst als Werktagsgottesdienst für die Soldaten sowie die sonntäglichen Militärgottesdienste, zu denen sich die Soldatengemeinde in Garnisonskirchen, Kirchen benachbarter Pfarreien oder in Kapellen bzw. geeigneten Räumen in der Kaserne zusammenfindet. Zu seinen Aufgaben gehören ferner regelmäßige Sprechstunden, Lebenskundlicher Unterricht für Mannschaften bzw. Arbeitsgemeinschaften für Offiziere und Unteroffiziere sowie das Angebot von religiösen Einkehrtagen (Rüstzeiten, Exerzitien, Werkwochen).[4]

Die Militärseelsorger werden (in der Regel für mindestens 6 Jahre) von ihren Landeskirchen bzw. Diözesen für diesen Dienst freigestellt. Sie nehmen an Übungen und Auslandseinsätzen der Bundeswehr teil. Die Militärseelsorger haben keinen militärischen Rang, sind keine Soldaten bzw. Kombattanten und stehen unter dem besonderen Schutz des Kriegsvölkerrechts. Sie sind Angehörige der Bundeswehr, Bundesbeamte auf Zeit und werden aus dem Bundeswehr-Haushalt besoldet. Es handelt sich um sogenannte konfessionsgebundene Staatsämter, bei deren Besetzung der Staat ausnahmsweise die religiöse Anschauung bzw. eine Zustimmung der jeweiligen kirchlichen Autorität berücksichtigen darf; verfassungsrechtlich wird dies durch Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 141 WRV gerechtfertigt.[5] Im Einsatz tragen Militärseelsorger – wie die Soldaten – den Feldanzug mit einem Kreuz anstelle von Dienstgradabzeichen.

Um dem Militärseelsorger eine unabhängige und ungehinderte Amtsführung zu ermöglichen, ist er in keiner Weise in die Hierarchie der Streitkräfte eingebunden. Zu seiner Unterstützung ist ihm ein Pfarrhelfer zur Seite gestellt. Vorgesetzter des Militärgeistlichen ist der Militärdekan im jeweiligen Wehrbereich, der wiederum dem Militärgeneralvikar (katholisch) bzw. Militärgeneraldekan (evangelisch) unterstellt ist. Beamtenrechtlich folgt dann nur noch der Bundesminister der Verteidigung, der jedoch die kirchliche Selbstbestimmung zu wahren hat. An der Spitze der Militärseelsorge steht kirchlicherseits der jeweilige Militärbischof. Der katholische übt diese Funktion im Nebenamt aus, der evangelische seit 2014 hauptamtlich. Die katholische Militärseelsorge ist unter ihm als Quasi-Diözese organisiert.

Zentrale Verwaltungsbehörden sind das Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr und das Katholische Militärbischofsamt. Für die Durchführung der Seelsorge und Familienbetreuung haben sie Garnisonskirchen (z. B. Idar-Oberstein und Munster), Kindergärten und Familien- und Freizeithäuser (z. B. Haus Karrenberg in Kirchberg, Haus St. Michael in Lohberg) gebaut und betrieben. Sie richteten auch die kath. bzw. ev. Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreung e. V. ein.[6] In den Einsatzgebieten betreiben sie in den Feldlagern die so genannten OASEN als mobile Betreuungseinrichtungen für Soldaten aller Dienstgrade, Nationen und Konfessionen.[7][8]

Vorläufer der Militärseelsorge in der Bundeswehr war die Labor Service-Seelsorge.[9]

Der Deutsche Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes baut seit 2007 ein unabhängiges Soldatenseelsorgeangebot mit Seelsorgern auf, die in ihrem Alltag nicht mit der Bundeswehr verbunden sind. Kooperationspartner ist das Military Counselling Network, das vom Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee vor allem als Anlaufstelle für amerikanische Soldaten gegründet wurde.[10]

Kritik

Kritiker monieren, dass durch die Struktur der Militärseelsorge Soldaten mit Ehepartner und Kindern formal aus ihren Gemeinden gelöst und der jeweiligen Militärgemeinde zugeordnet würden. Deren Mittelpunkt sei aber häufig nicht der Standort des Soldaten oder Wohnort der Familie. So entstünden Zuständigkeiten über große Entfernungen hinweg. Auch deshalb würden bei Trauungen und Taufen oftmals die Jurisdiktionsbereiche der Militärbischöfe ignoriert. Auch seien Militärseelsorger weder für Zivilbedienstete noch ehemalige Soldaten zuständig. Daher unterliege der Soldat mit seiner Familie mit dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst wieder der Jurisdiktion des Ortsbischofs. Die Betreuung von ehemaligen Soldaten durch Organisationen wie der Gemeinschaft Katholischer Soldaten kompensiere dies nur bedingt.

Im September 2012 wurde die Ökumenische Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge gegründet.[11] Sie sieht die Militärseelsorge als „einen Überrest aus der Zeit, als Thron und Altar, weltliche und geistliche Macht noch gemeinsame Sache gemacht haben“[12] und kritisiert, dass diese heute als „kleines Rad in der großen Militärmaschine“ organisatorisch in die Bundeswehr eingebunden und deshalb von ihr abhängig sei. Die Initiative wird von einem breiten Spektrum von Gruppen aus der Friedensbewegung unterstützt.[13]

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Milit%C3%A4rseelsorge_%28Deutschland%29#Bundeswehr

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
© Zentralrat der Religionsfreien